Hochseesegeln: Den Mutigen ...

27.07.2022

Hochseesegeln: Den Mutigen ...

Wir erwischen Sanni Beucke (31) auf der Fahrt nach Loriant – schöner Fleck, bestes Segelrevier, in der Bretagne – in ihrem alten Van, der auf sie am Flughafen in Nantes gewartet hat. Sie ist nicht nur auf dem Weg ans Meer, sondern auch zu neuen Ufern.

Anstatt dass sie mit Tina Lutz nach ihrer Silbermedaille von Tokio „nur“ 3 Jahre dranhängt, um in Paris 2024 vielleicht sogar olympisch noch einen draufzusetzen, schert Sanni aus. „Schon während der Olympia-Vorbereitung bin ich immer mal wieder auch Hochsee gesegelt, das hat mich schon immer gereizt“, sagt sie. Nur reden wir von einer ganz anderen Segelwelt. „Das ist, wie wenn ein Formel 1-Rennfahrer auf einmal Paris–Dakar fährt.“ Und dennoch war der Reiz da, zu wechseln. Und sie liebt Competition, Herausforderungen. Während große Offshore-Rennen (America’s Cup, The Ocean Race, ...) riesige Projekte, große Crews, mittelständische Unternehmen sind, entschied sie sich für den Alleingang: „Ein eigenes Projekt, Single Hand, also ohne Crew.“ Sie will selber machen, mit eigener Botschaft, eigenen Zielen, eigenen Visionen, „… es alleine wagen.“ Und derweil ihre Eltern es lieber sehen würden, wenn sie brav auf der Alster segeln würde, bastelte ihre Sanni, unterstützt von Freunden und ihrem NRV, an einer eigenen Kampagne, an einer persönlichen Botschaft, und machte derweil mehr als Nägel mit Köpfen. So im Planungsbereich: Denn die zunächst rein strategische Entscheidung, es allein zu versuchen, inkludiert u. a. die Finanzierungsfrage für die nächsten 6(!!!) Jahre. Und auch, wenn Sanni sehr sparsam ist, da stehen schon gehörige Summen im Raum. 

Spätestens als aber auch die Sponsoren-Akquise so weit war, dass sie sich aktuell erstmal eine Figaro leihen konnte, die Aussichten auf weitere Partner positiv war, waren die Würfel gefallen: Sie stieg aus dem Olympischen Segelsport aus, entschied sich für das selbst gesetzte Fernziel, die eigene Route: „In 2028 segle ich die Vendée Globe“, sagt sie. Dabei ist sie sich vieler Dinge sicher, aller wahrscheinlich längst noch nicht: „Ich habe echt Respekt, muss noch richtig viel lernen“, sagt sie selbst ernsthaft, nichts zu lachen, und zählt dann mal eine paar überdimensionierte Unterschiede zum Olympischen Spitzensegeln auf. „Was ich mitbringe, ist Wettkampferfahrung, im direkten Vergleich, Boot gegen Boot, auf Kursen, die für alle im Grunde dieselben sind“, das ist bislang ihrs gewesen. Deswegen hat sie sich auch für die Bootsklasse Figaro entschieden, ein mittelgroßes Offshore-Boot, innerhalb dieser Klasse sind alle Boote baugleich, die Leistungen somit vergleichbarer, die Szene top organisiert, für sie das „Olympia des Offshore-Segelns“. Nun kommen aber viele neue Faktoren dazu: „Sehr viel Technik, Elektronik, und es ist immer etwas kaputt, da muss man sich dann auch zu helfen wissen“, bedenkt man, dass sie allein an Bord ist und 50 % der Autopilot an der Pinne steht, „beim Schlafen, Werkeln, auf Toilette gehen, you name it“, und wir haben Kopf-Netflix von einsamen Seglerinnen auf dem Ozean, und zwar nicht bei Sonnenschein und lauen Winden, sondern nachts, es kachelt richtig und der Autopilot fällt aus und der Magen streikt ... Das muss frau schon wollen. Und sie will; und sie will vielen anderen Frauen zeigen, was so geht, und trägt ein wenig zu Empowerment von Frauen bei. Traut Euch, machen. „This race is female" ist ihr Motto. Wer mehr dazu lesen will, schnappt sich die neuste Ausgabe von sporting hamburg und schaut hier: www.sannibeuckesailing.org.

Fotos: Felix Diemer Photography