Judo: Zwei mit Aussicht

02.05.2022

Judo: Zwei mit Aussicht

In einer Berliner Trainingspause schnappen wir uns Renée Lucht und Losseni Kone, die beiden Hamburger Ausnahme-Judoka haben gerade beim Judo-Grand-Slam in Prag richtig einen rausgepfeffert, und wir sind sehr neugierig auf sie.

Erst recht, weil sie im Grunde total unterschiedlich aufgestellt sind. Beide trainieren am Bundesstützpunkt Judo in Berlin. Renée (23, HT16) macht seit 20(!!!) Jahren Judo, ist in Hamburg aufgewachsen. Sie war in der Eliteschule des Sports, ist seit der 11. Klasse im Nationalkader, inzwischen Sportsoldatin, und sie will in Paris alle aufs Kreuz legen, die sich ihr in den Weg stellen. Sie ist offensichtlich der Fokus in Person und sagt glücklich: „Ich werde fürs Judo machen bezahlt.“ Glücklich, weil Judo ihre ultimative Leidenschaft ist. Sie studiert Sonderschulpädagogik und Sport, trainiert zweimal am Tag, war zigmal deutsche Meisterin, wurde bei den Juniorinnen 2018 WM-Dritte und EM-Zweite, dann kam Corona … Und in Prag siegte sie gerade, bei den Großen, ein großartiger Erfolg; sie bleibt entspannt – und unglaublich bescheiden. Florian Hahn, Sportdirektor im Hamburger Judo-Verband: „Renée ist sehr nahbar, sie ist auch im Verband tooootal beliebt, ein ganz großes Vorbild für alle, gerade für unsere Kids, und sie hilft, wo sie kann.“ Nur, klärt Florian uns weiter auf: „… auf der Matte hat sie keine Freunde“. Sie startet in der höchsten Gewichtsklasse, 78plus, ihre Gegnerinnen sind teils 30 kg schwerer, die umzuhauen braucht schon einiges an Willen, Renée lächelt: „Dafür bin ich schneller, ich bin jede Sekunde voll da.“„Sie ist mental unglaublich gut, dabei noch super diszipliniert, auch im Training“, bestätigt Florian, „und ehrgeizig.“ „Meine Grifftechnik muss bis Paris noch deutlich besser werden, und gewichts- und krafttechnisch muss ich auch noch zulegen“, zählt sie sehr selbstkritisch auf, und Achtung, die Quali für Paris beginnt bei den Judoka schon im Juni dieses Jahres. 

Losseni (20) ist sicher auch konzentriert, aber, wenn er ehrlich ist, und das ist er, offensichtlich noch nicht so lange. In Prag wurde er vor ein paar Wochen Zweiter, wohlgemerkt: sein erstes Turnier bei den Erwachsenen. Er lacht: „In der Jugend habe ich viel, alles, mit Kraft gemacht, die Jungs einfach umgelegt. Technik ... war nicht nötig.“ Die Zeiten sind wohl vorbei, eine Erkenntnis mitten aus einem Kampf in Prag, der Gegner war ebenbürtig, und topfit: „Au Mann, der ist stark, Losseni, Du musst jetzt Judo machen“, die Technik rausholen. Fällt ihm früh ein, könnte man denken, aber besser spät als nie, und er machte. Zweiter wurde er, und es hat dann wohl auch noch sowas von Klick gemacht. So grundsätzlich. Er ist heiß. „Ich bin erst seit Ende Januar am Bundesstützpunkt in Berlin, hatte bislang nur Dönerbuden getestet, bin jetzt extrem fleißig, inzwischen bei der Bundespolizei in der Sportfördergruppe, und Paris reizt mich natürlich schon, ich habe aber auch noch Zeit“, sagt er. Seine Eltern hatten ihn damals zum Judo zum SC Alstertal-Langenhorn geschleppt, weil Klein-Losseni wohl nicht wusste, wohin mit seiner Kraft. Inzwischen weiß er das offensichtlich. Und er ist dabei super ehrlich: „Ich bin auf einem guten Weg, aber ich bin noch lange nicht gut.“ Wir sind begeistert und gespannt.

Weiterlesen bei sporting hamburg.

Fotos: IJF Media / Gabriela Sabau, Marina Maroyova