Sportpsychologie „Die Antithese zum Leistungssport“

11.01.2021

Sportpsychologie „Die Antithese zum Leistungssport“

Einerseits wissen wir natürlich, dass es aktuell viele, viele wirklich wichtige Themen rund um Corona und die Folgen gibt. Aber wir sind ein Hamburger Sportmagazin, und wir machen uns auch Sorgen um all die Hamburger Athlet*innen, …

… die sich in den letzten Jahren komplett, und wir meinen sowas von komplett, dem Sport untergeordnet haben, um ein(!!) einziges Ziel zu erreichen: Olympia. 

Und Olympia ist dann mal eben (mehr als hoffentlich) in diesem Jahr. Klingt ja easy. Wir wollen wissen, was so im Allgemeinen, aktuell bzw. seit bestimmt Monaten, in unseren Sportlern vorgeht, und treffen im leeren OSP Prof. Dr. Thorsten Weidig, einen der vier für den Stützpunkt arbeitenden Sportpsychologen. Er ist schwer erfahren, in unterschiedlichsten Sportarten seit Jahren als Berater und Coach national und international unterwegs. Thorsten hilft Sportler*innen in unterschiedlichen Lebenssituationen, aber auch Trainer*innen, die ihrerseits mit ihren Athlet*innen umgehen, natürlich auch ihre eigenen Themen mitbringen. „Ich mache ein Angebot“, sagt er schlichtweg von sich selbst, „und wer mag, kann das annehmen. Man kann niemanden verpflichten.“ Er sagt: „Zwischen den Ohren ist ein Muskel, den kann man trainieren, ich bin Dienstleister zur Leistungsoptimierung.“ Das ist ja das Ziel. „Wenn´s mich schneller macht, komme ich“, sagt ein bekannter Hamburger Schwimmer unumwunden – und kommt. 

Die Themen sind vielfältig ohne Ende, classic: Leistungsdruck, Verletzungsmanagement, wie wieder Mut und Kraft für den Anschluss finden; Probleme mit der Fokussierung/Konzentration; Team-Konflikte; Zoff mit dem Trainer, ... – superclassic, bis hin zu Aspekten wie Schmerzen und wie damit umgehen. Zum C-Wort ist das erste, was er sagt, dass es auch Sportler*innen gibt, die von der Verschiebung der Spiele in Tokio profitieren. Ein Jahr mehr Training, das macht was aus, kann Quali-Chancen erhöhen. Die Gefühlslage des viel größeren Teils der betroffenen Athlet*innen beschreibt er in Schwankungen, macht seine Beobachtungen an drei wesentlichen Faktoren fest: „Wir Menschen brauchen Stabilität, Orientierung sowie Selbstwirksamkeit“, ein eher ungewöhnliches, aber schönes Wort. Viele Sportler*innen stecken eigentlich in Systemen wie Mannschaftsgefügen, Trainingsplänen, Verbandsaspekten, Essensplänen bis hin zu Schlafenszeiten. „Das sind alles Strukturen, die teilweise komplett weggebrochen sind, viele fühlen sich fast hilflos, in eine passive Rolle gedrängt“, beschreibt er. Ein fieses Dilemma für jemanden, der gerade als Leistungssportler*in auf der Aktivseite unterwegs ist. Fehlende Orientierung macht die aktuell schwierige Situation noch offensichtlicher. Ist das Ziel weg, wird´s düster. „Da kann man auch die aktuell angekündigte Botschaft von Thomas Bach (Anm.: „Die Spiele finden statt“, sagt er.) nur bedingt als trostreich empfinden, weil es noch soooo lange hin ist, sehr abstrakt erscheint und bis dahin noch viel passieren kann. Es fehlt das Unmittelbare.“ Z. B. Wettkämpfe – nicht nur für Ruhm und Ehre, sondern auch für unter anderem die wichtige Abwechslung im Trainingsalltag, nicht zu vergessen den Spaß und dergleichen. Und die vielen öffentlich geführten Diskussionen, ständigen Neu-Planungen der Verbände „führen zu einem Gefühlskarussell aus Angst, Wut, Ärger, Frust“. Die Selbstwirksamkeit leidet, weil man in dem Durcheinander machtlos ist. „Die Athleten haben keinen Einfluss mehr auf ihre Ziele.“ Für ihn ist Corona deswegen „die Antithese zum Leistungssport“. Denn: „Klarheit, Vorhersehbarkeit, Erreichbarkeit, alles weg.“ Klingt und ist alles schlimm, und dennoch macht Thorsten keinen erschütterten Eindruck. „Wir haben hier niemanden mit einer wirklich tiefen Depression“, sagt er beruhigenderweise. „Zum einen haben wir hier ja keine Vollzeitprofis am Start“, erklärt Thorsten. „Viele konnten und können sich um ihr Studium kümmern, ein paar Scheine machen, sich Erfolgserlebnisse anderweitig holen“, und dann seien dank der vielen kreativen Trainer selbst Zoom-Trainings-Sessions eine Möglichkeit, wieder ein wenig Struktur zu bieten. „Wichtig ist, ehrlich mit sich zu sein, die Scheiß-Phase anzunehmen und auch Sorgen und Ängste ernst zu nehmen und sich zuzugestehen. Wenn man eine schlimme Zeit hat, dann muss man das auch anerkennen, auch äußern dürfen.“ In diesem Sinne. Weitermachen. 

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Fotos: Sven Jürgensen, privat